„Ich kann das nicht!“ – Das nächste große Ding?

Schlaue Bücher raten Frauen sehr gerne, sich auf Männerfang eher mal als die Hilfebedürftige darzustellen, die auch mal sagt „Ich kann das nicht…“ mit der Augenschlag-begleiteten Bitte um Hilfe. Schon hier bemerke ich eine deutliche Abneigung gegen das Wort „können“, wobei es sich in diesem Kontext tatsächlich um eine Sache handeln könnte, die eine Frau möglichweise rein technisch nicht kann, wie zum Beispiel einen Kühlschrank in den dritten Stock tragen oder ein Bild gerade an die Wand nageln. Jeder hat da andere Defizite. Hier handelt es sich um ein von einer Bitte um Hilfe gefolgtes „nicht können“. Das „nicht können“ von dem ich heute sprechen will ist jedoch ein anderes. Es klingt mehr nach „Das kann ich einfach nicht!“ und heißt in der Übersetzung meist lediglich „Ich will das einfach nicht!“. Vor allem in letzter Zeit höre ich um mich herum so oft, dass Menschen etwas nicht können, und komme nicht umhin mich zu fragen: Ist das vielleicht nur eine bequeme Ausrede um etwas nicht tun zu müssen, das sie nicht wollen?

Warum kannst du das nicht?

Ich habe Leute gefragt, die beteuern, sie könnten etwas nicht, warum sie das nicht können. Schulterzucken und laut durch Zähne geblasene Luft war meist die Antwort. Das hätten sie noch nie gemacht. Das hätte ihnen niemals jemand beigebracht. Da wären sie halt einfach nicht der Typ dafür. Ich möchte nochmal betonen: Wir sprechen hier nicht mehr vom Kühlschrank. So oft schieben wir diesen Satz „Ich kann das einfach nicht“ vor uns her, und er dient hervorragend dafür, den Menschen um uns herum nicht geben zu müssen, was sie von uns erwarten, ohne uns groß dafür rechtfertigen zu müssen. Wie auch? Meist wissen wir ja selbst nicht mal, warum wir nicht können was wir eben nicht können, weil wir zu bequem sind, zu viel Angst davor haben, uns einfach mal damit auseinanderzusetzen. Was schade daran ist: Irgendwann sind wir so eingefahren in diesem Schema, dass wir mit unserer kleinen Ausrede wahrscheinlich auch viel Gutes von uns fernhalten. Deswegen jetzt von mir ein paar situative Tipps, wie ihr üben könnt, etwas zu tun, dass ihr zuvor nicht konntet:

Ich kann nicht alleine sein

Der wohl meistgehörte Satz von Menschen, die sich gerne von einer mittelmäßigen Beziehung in die nächste stürzen. Tatsächlich „kann“ jeder Mensch alleine sein. Auf dem Klo zum Beispiel sind wir sehr oft allein, in der Umkleidekabine des Kaufhauses, sogar auf einer Autofahrt schaffen wir es, alleine zu sein. Und das ist doch gar nicht so schwer, oder? Ihr könntet zum Beispiel damit anfangen zu üben, euch ein Buch mit aufs Klo zu nehmen, und dort länger als gewohnt alleine zu bleiben. Ich bezweifle, dass ihr dabei Angstschweiß Ausbrüche bekommt.

Ich kann nicht „Ich liebe dich“ sagen

Wie soll ich’s sagen? Das ist tragisch, denn den Wortschatz dazu habt ihr wohl alle. Ihr müsst unter einem sehr seltenen Sprachfehler leiden. lasst es uns so versuchen: Was ist euer Lieblingsgericht? Pizza? Liebt ihr Pizza? Super! Dann schließe die Augen, und sage zehn Mal laut vor dich hin: „Ich liebe Pizza!“ Variiert gerne in der Betonung um mal auszuprobieren, wie sich das so anfühlt. Nun üben wir das „dich“. Findet Sätze, in denen dieses diffizile Wort auftaucht. Zum Beispiel „Ich rufe dich an“ oder „Dich habe ich gestern in der Stadt gesehen“. Wenn ihr euch in beiden Satzgebilden sicher fühlt, versucht doch einfach mal vorsichtig, beide Teile zusammenzufügen. Vielleicht wollt ihr ganz langsam beginnen, Wort für Wort. Ich. Liebe. Dich. Und dann üben – einfach mal während der Morgentoilette vor dem Spiegel immer wieder vor euch hinsagen bis es nur so flutscht. Und? Ihr könnt das, oder?

Ich kann mich nicht entschuldigen

Im Grunde gelten für dieses Dilemma die gleichen Regeln wie für Punkt 2. Üben üben üben! Solltet ihr euch nicht sicher sein, wie die Formulierung einer solchen Entschuldigung genau lauten könnte, dürft ihr gerne auf folgende zurückgreifen: Tut mir leid / Entschuldigung / Tschuldigung / Tut mir wirklich leid / Das war doof, kommt nicht mehr vor / Bitte entschuldige / Sorry / Ich habe einen Fehler gemacht, bitte verzeih mir / Sry / … Wenn ihr das ein bisschen geübt habt, vielleicht eine sich für euch angenehm anfühlende Variante gefunden habt, bin ich voller Vertrauen, dass ihr das schaffen könnt.

Ich kann keine Beziehung führen

In Beziehungen wird es euch schnell zu eng und ihr lauft davon? Das ist nun schon die Königsklasse des Nicht-Könnens, die sich längst nicht so einfach üben lässt wie die vorangegangenen Fälle. Zum Glück gibt es die Menschen, die nicht alleine sein können, die dürften hier als Ratgeber unschlagbar sein. Schön ist ja, dass wir Beziehungen nicht nur mit unserem Partner führen, sondern auch mit unseren Freunden oder Verwandten. Da wir uns aus diesen Konstellationen als Mensch, der keine Beziehungen führen kann typischerweise nicht so einfach herauswinden, stellen sie ein optimales Übungsobjekt dar. Vielleicht möchtet ihr jeden Tag für jede dieser Beziehungen, die ihr an diesem Tag erfolgreich geführt habt, einen roten Strich an die Wand machen, und werdet so sehr schnell sehr klar sehen, wie sehr ihr sehr wohl Beziehungen führen könnt.

Wenn an dieser Stelle schon die ersten verärgert sind… ist es gut! Darum geht’s doch gar nicht? Doch, genau darum geht es. Das ist doch alles lächerlich? Ja, das stimmt, ist es auch. Jeder von uns „kann“ all das. Es ist nicht schwer, es ist sogar in den meisten Fällen sehr sehr leicht. Nur scheuen wir uns so sehr vor einer Auseinandersetzung mit uns selbst und Anderen, dass wir es vorziehen, den Menschen um uns herum etwas vorzumachen. Wir sagen wir können nicht und meinen wir wollen nicht. „Ich kann das einfach nicht“ wird wohl in weniger Fällen von außen hinterfragt als „Ich will das nicht“. „Ich kann das nicht“ hilft uns unterbewusst uns einzureden, dass wir selbst nichts tun können, um die Situation zu ändern. Und wollen wir ewig so leben? Als Mensch, der nur durch andere Menschen komplettiert werden kann? Als Mensch, der sich keine Fehler eingestehen kann, und so andere verletzt? Wollen wir jemand sein, der in Beziehungen immer aus lauter Automatismus die Biege macht? Das glaube ich nicht. Allerdings können wir nur dann, wenn wir uns eingestehen, dass wir etwas nicht wollen, statt immer nur zu sagen wir können es nicht, uns auch mal die Frage nach dem „warum“ stellen.

Vielleicht haben wir Angst, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, und wollen deswegen nicht alleine sein. Vielleicht haben wir das Gefühl, in unserer Beziehung stimmt was nicht, und wir wollen nicht „ich liebe dich“ sagen. Vielleicht tut es uns schlichtweg nicht leid, und wir wollen uns nicht entschuldigen. Vielleicht dürfen wir erst lernen, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen und erkennen, dass die Welt sich trotzdem weiter dreht und die Menschen uns trotzdem lieb haben. Vielleicht ist es einfach nicht der richtige Partner, und wir wollen schlichtweg mit diesem einen nicht zusammen sein. Das ist doch ok, oder nicht? Ich denke, wir dürfen viel mehr zu dem stehen, was in uns vorgeht, und müssen das nicht mit scheinheiligen Ausreden vertuschen. Vielleicht fragst du dich beim nächsten Mal, wenn du sagst „ich kann das nicht“ einfach mal, wie ehrlich du in diesem Moment zu dir selbst bist, und ob es sich eventuell lohnen könnte, mal nach dem „Warum“ zu fragen. Denn auch wenn’s nicht immer angenehm ist, ist Klarheit am Ende doch das, was uns am besten tut.

Fühlt euch gedrückt

xoxo_Carrie_2

 

 

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8 Gedanken zu “„Ich kann das nicht!“ – Das nächste große Ding?

  1. Der Text in Zusammenhang mit einer langen Pause lässt auf eine tiefer liegende Ebene schließen.

    Du könntest auch sagen: ich habe keine Zeit für eine Beziehung. Immer wieder faszinierend wie Menschen angeblich keine Zeit haben und beim richtigen Partner doch finden.

  2. Leider kann man sich aus anderen Beziehungen nicht so leicht herauswinden. Ansonsten würde ich gerne mit meiner besten Freundin Schluss machen. Weil es das ist, was ich wirklich will. Irgendwie habe ich kein Bedürfnis mehr nach der Freundschaft. Aber wie sagt man das?

    • Ich habe ein bisschen über deinen Kommentar nachgedacht. Für mich sind Freunde Wegbegleiter, die ich gern in meinem Leben habe. Manche Freundschaften halten ein Leben lang, weil man einen Weg miteinander geht, sich verbunden fühlt, sich liebt, den anderen braucht. Andere Freundschaften entwickeln sich vielleicht anders, man entwickelt sich in andere Richtungen und ein Freund, der einem mal sehr viel bedeutet hat, tut es irgendwann nicht mehr. Das ist der Lauf der Dinge. Deine beste Freundin aus dem Kindergarten ist heute wahrscheinlich auch nicht mehr deine beste Freundin. Irgendwann hat es sich einfach auseinander gelebt. Damals haben wir vielleicht einfach nicht so viel Drama daraus gemacht. Ich denke es ist in Ordnung, einen Freund gehen zu lassen, wenn du dir sicher bist, dass es nichts gibt, was du tun kannst, dass es wieder so ist wie früher. Ich persönlich bin immer für ein offenes Gespräch, vor allem bei einem so guten Freund, denn sich einfach still und leise davon zu schleichen finde ich unfein. Wer weiß, vielleicht ergibt sich aus einem Gespräch ja einen Weg, auf dem du doch wieder zu deiner Freundin zurück findest, und wenn nicht warst du wenigstens aufrichtig mit deinen Gefühlen. Ich hoffe, das hilft ein bisschen

  3. Oh, danke, dass du das so ausführlich beantwortest.
    Es war einfach, die Freundschaft als zwei sorglose Teenies mit gleichen Hobbys zu knüpfen. Als erwachsene Frauen mit ernsten erwachsenen Problemen und völlig unterschiedlichen Sichtweisen fühlten wir uns wohl beide nicht immer voneinander verstanden. Deshalb soll man eine Freundin aber nicht gleich fallen lassen, eigentlich. Nur, nachdem meine Beziehung vorbei ist, kommt mir immer wieder der Gedanke, „Wenn die wichtigste Beziehung vorbei ist, was brauche ich denn die all die anderen weniger wichtigen Beziehungen? Die bringen mir jetzt doch auch nichts.“ Weiß nicht, ob das vorübergeht.

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