Loslassen

Lange nichts von mir gehört. Irgendwie passiert zu viel und zugleich auch zu wenig; meine Motivation einen weiteren triefenden Artikel zu schreiben hält sich zudem in Grenzen. Jetzt mache ich es trotzdem und hoffe, dass dies vorerst der letzte triefende Artikel sein wird. Ich fasse mich kurz.

Nun ist es knapp ein paar Wochen her (was ist schon Zeit?), dass ich mich mit Tim getroffen habe. Tatsächlich habe ich den Gedanken daran, dass es nur ein Treffen unter Freunden werden würde so weit perfektioniert, dass ich nicht aufgeregt war – bis auf einen kurzen Herzschlagaussetzer als ich feststellte, dass das T-Shirt, das ich trug mich fett macht und ich mir somit noch schnell ein neues kaufte. Ich gehe also im Parkhaus die Treppe rauf und sehe ihn oben stehen. Er sieht aus wie immer – gut. Ich strahle ihn an wie ein Honigkuchenpferd (so fühlte es sich zumindest an), er strahlt zurück. Ich umarme ihn und überlege kurz ob er mir gerade aus Verlegenheit die Hand hingestreckt hat. Scheißegal, wir kennen uns nackt, da muss man sich nicht die Hand geben.

Wir sitzen uns in einem kleinen Café auf der Terrasse gegenüber und trinken Espresso – doppelt natürlich. Wir unterhalten uns über alles und nichts. Wir reden über die Arbeit, Freunde, Freizeit. Wir reden kurz über ihn und mir wird schnell klar: Seine Situation ist unverändert. Er ist damit beschäftigt sein Leben und sich selbst zu sortieren, ohne Platz für äußere Einflüsse. Über uns reden wir nicht. Das ist gut so, denn das würde ich auch nicht wollen. Was war das war und ist blöd gelaufen, sich darüber jetzt noch den Mund fusselig zu reden würde wenig Sinn machen. Im Grunde läuft es gut. Als die Kellnerin eine Stunde später abkassiert, schlage ich vor aufzubrechen. Angst macht sich breit, dass aus dem bis dahin sehr netten Treffen ein peinliches Gestotter wird. Peinlich wird es an dieser Stelle nur, als ich beschämt feststelle, dass ich leider vergessen hatte, den Größenaufkleber von meinem neuen T-Shirt zu entfernen, der somit die ganze Zeit dick und fett auf meiner Brust klebte. Ich rede mir ein, das würde mich sympathischer machen, reiße den Kleber mit einem kaum zu hörenden „Ratsch“ ab und stecke ihn peinlich berührt in meine Hosentasche. Natürlich vollkommen unauffällig. Als wir uns am Parkhaus wieder verabschieden, umarme ich ihn schnell, sage ihm, dass es mich gefreut hat, ihn zu sehen, und haue ab. Auch hier: Kein peinliches Gestotter. Kein „also… ähm… sehen wir uns…vielleicht…mal? „. Ihr wisst schon. Nichts davon, dafür habe ich viel zu schnell die Biege gemacht.

Als ich zu Hause bin geht es mir blöd. Klar kann ich vor dem Treffen groß herumposaunen, dass ich ja so absolut gar keine Erwartungshaltung an das Treffen habe und so weiter und so fort. Gelogen. Vielleicht habe ich es mir gewünscht, aber erwartet habe ich schon etwas. Ich habe ein Zeichen erwartet. Irgendwas eindeutiges, das mit klar zeigt „bleib dran“ oder „lass bleiben“. Das habe ich nicht bekommen und bin somit völlig im Unklaren darüber, ob ich es nun bleiben lassen oder dran bleiben soll. Kacke. Die provisorische „Schön war’s“ Nachricht lasse ich aus. Schlauer als zu vor bin ich nicht, mein Kopf arbeitet nur mehr als davor, ergo: Schlechter Schnitt.

An einem Sonntag habe ich Lust, Tim zu schreiben. Das mache ich auch, und wünsche ihm einen schönen Tag. Er antwortet, wir schreiben ein bisschen, er schlägt vor, bald zu telefonieren. Einen Sonntag später ruft er an. Es ist schön, wir können viel miteinander lachen, erzählen uns Geschichten. Wie Freunde. Und da verstehe ich: Wie Freunde zu sein, ist wohl genau dieses eindeutige Zeichen, nach dem ich gesucht hatte. In seinem Leben ist momentan nur Platz für ihn – nicht für mich und wahrscheinlich auch nicht für sonst irgendwen. Ich bin nicht traurig, denn irgendwie wusste ich das ja. Also lasse ich los. Bleibt mir ja nix. Wenn ich dran bleibe werde ich enttäuscht, das ist ziemlich sicher. Tim weiß, dass ich ihn mag. Auch wenn die olle „was-du-liebst-das-lasse-los-Nummer“ mittlerweile wahrscheinlich durchgekauter ist als ein Kaugummi unter der Schuhsohle… es stimmt! Ich denke ich habe hiermit alles getan, was ich hätte tun können. Natürlich habe ich die Nummer mit dem Rosenherz in seinem Garten und dem regelmäßigen Liebesbrief jede Woche ausgelassen. Ich habe alles getan was ich hätte tun können das für mich sinnvoll erscheint.

Zumindest gedanklich muss ich ihn loslassen. Sollte ich. Werde ich. Wieder offen für Neues sein. Ich übe noch, das überzeugender rüberzubringen. Vielleicht kommt unsere Zeit irgendwann, vielleicht auch nicht.

xoxo_Carrie_2

photo credit: Eduardo Amorim via photopin cc

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8 Gedanken zu “Loslassen

  1. Schön wieder von Dir zu lesen. Habe Dich schon auf Twitter „gestalkt“, da es so ruhig war. In Anbetracht Deiner dortigen Themen dachte ich mir schon, dass es Dir gut geht.

    Mit Tim war jetzt nicht die freudige Überraschung, aber Du hast das sehr gut gemacht. Wer weiß was kommt und wer weiß wofür das alles gut war.

  2. sie wird kommen. ich bin froh dass du noch da bist. und loslassen ist da leider immer und immer wieder der knackpunkt an der sache. aber im herzen. toitoi!

  3. ich muss gerade lachen und weinen zu gleich. du bist mir so ähnlich. oh man .. ja ich versuche auch immer alles in meiner macht stehende zu tun, um ja später nicht das gefühl zu haben, ich hätte zu wenig für ihn, für mich, für uns getan zu haben. „die Nummer mit dem Rosenherz in seinem Garten und dem regelmäßigen Liebesbrief jede Woche“ – so schrecklich romantische ideen habe ich auch, jedes mal. setze es nie um – hätte ich mal, vielleicht wäre der ein oder andere dann doch geblieben, vielleicht wäre ich dann aber auch in der schublade „naives, gestörtes weibchen“ gelandet.

    ach herrje!

    ich hab deinen blog gespeichert, ganz klar!

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