7 Kandidaten – 7 Minuten

… [Fortsetzung]

Take it or leave it – in 7 Minuten

Der schwere, rote Samtvorhang öffnet sich. Dahinter – Ungewissheit. Was wird passieren? Wird die Liebe meines Lebens genau hier auf mich warten? Mein Herz pocht als ich den ersten Schritt in den düsteren Raum mache… HAAAAA! Das wäre wohl alles ein bisschen arg dramatisch, aber mir war gerade nach etwas Tragik. Es ist ein ganz normaler Vorhang, und wir gehen einfach so rein, ohne Herzklopfen, nur mit mulmigem Gefühl. Mädchen in die eine Ecke, Jungs in die andere. Erinnert ein bisschen an Schullandheim finde ich. Alle tuscheln wie wild und begutachten sich aus der Ferne. Während unser Dating-Engel den Ablauf erklärt, begutachte ich die „Dating-Karte“ die vor mir auf dem Tisch liegt. Zu jedem Kandidaten gibt es ein „ja“ und „nein“ Kästchen. Daneben ein paar Fragen, falls wir nicht wissen über was wir reden sollen. Ich lese „Wo siehst du dich in 10 Jahren?“ und versuche mir vorzustellen, einem der Männer diese Frage zu stellen, und dabei nicht laut loszulachen. Ich frage lieber  meine eigenen Fragen. Welche eigentlich? Mist, ich habe nichts vorbereitet. Hätte ich sollen? Was frage ich nur? Was wenn ich gleich sieben Minuten lang einem Mann gegenüber sitze, mit dem ich gar nicht reden will? Sieben Minuten können teuflisch lang sein. Und was ist wenn… klingeling…

Die Glocke klingelt, es geht los! Ich setze mich an einen der freien Tische und studiere gespielt interessiert meine Dating-Karte. Mein Kopf hat gefühlt die Farbe einer gut gereiften Tomate und aufgeregt bin ich auch. Da kommt der Erste – und los geht’s!

*klingeling*

„Mann im karierten Hemd von der Bar“ setzt sich zu mir und grinst. Vor lauter Aufregung frage ich ihn nicht mal nach seinem Namen. Wahrscheinlich hat er ihn erwähnt, und ich habe wieder nicht zugehört. Sieht nett aus, ich schätze ihn vorsichtig auf Ende 30, frage aber nicht nach. Was ich denn an einem so schönen Sonntag normalerweise machen würde, wenn ich nicht beim Speed-Dating sei, fragt er mich. Er will wissen, ob ich ein Stubenhocker oder ein Outdoor Mensch bin. Ich will wissen, ob er Humor hat, also sage ich: „Sonntag ist mein Speed-Dating Tag, ist mit der Zeit zu so was wie einem Hobby geworden.“ Er ist sichtlich verwirrt und lacht nach einer Weile auch etwas gequält. Nun weiß ich nicht, ob er mir das tatsächlich zutraut, oder einfach nur meinen Humor nicht teilt.

Kreuzchen: JEIN (denkt er echt ich gehe jeden Sonntag zum Speed-Dating??)

*klingeling*

Peter gesellt sich zu mir. Er sei Pilot und klettere gerne. Gesprächsthema gefunden. Ich erzähle ihm von meinen noch stümperhaften Versuchen, den Bouldersport zu erlernen, und davon, dass ich gerne mal in die Berge auf einen richtigen Klettersteig gehen würde. Ich höre ihm zu, wie er von seinen Bergtouren erzählt und… warte mal… was macht er denn da? Immer wieder gleitet sein Blick zur Dame am Nachbartisch. Wie unhöflich. Den Kommentar spare ich mir großzügig. Immerhin schenkt Peter mir irgendwann wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nette Unterhaltung, netter Kerl.

Kreuzchen: JEIN (mal sehen was noch so kommt)

*klingeling*

Mark ist schon so wie er da vor mir sitzt mindestens doppelt so groß wie ich. Beim Gedanken daran, wie wir uns verliebt umarmen muss ich unwillkürlich kichern. Noch hat Mark nicht viel gesagt und sieht mich nur durch seine Miniatur-Harry-Potter-Brille an. Als er beginnt zu sprechen, hoffe ich auf die Klingel. Ich sag’s mal so: Seine Art zu sprechen deutet nicht darauf hin, dass er tatsächlich auf der Suche nach einer Frau ist. Ich bin so irritiert, dass ich ihm gar nicht mehr richtig zuhören kann, als er von den unzähligen Facebook Gruppen erzählt, in denen er sich angemeldet hat um Leute kennenzulernen. Die Kochgruppe ist seine Lieblingsgruppe, weil man da gleich mal merkt, ob die Leute entspannt sind oder nicht. So traurig, denn ich bin eine meistens unentspannte Köchin (außer ich mache alles selber).

Kreuzchen: NEIN

*klingeling*

Dann kommt Alex. Alex ist schnuffig, ich schätze ihn auf ungefähr mein Alter. Alex kommt auch aus Schwaben, da geht mir ja gleich das Herz auf! Alex und sein Kumpel Ralf sind auch nur zum Spaß hier. Wir stoßen an, grinsen ein wenig eingemeißelt. Wir quatschen über dies und das, ich erzähle, dass ich gerade umgezogen bin und fleißig Schränke zusammenbaue. Mist warum sage ich das eigentlich? Das ist so ganz und gar unuschimäßig. Egal, jetzt ist es schon gesagt. Endlich mal ein Lichtblick, der Mann gefällt mir. Wir werden mitten im Gespräch unterbrochen. Schade.

Kreuzchen: JA (vielleicht kann er mir ja mal einen Schrank aufbauen)

*klingeling*

Ralf folgt seinem Kumpel auf Schritt und Tritt. Jetzt sitzt er vor mir und erzählt, dass er bis vor 15 Minuten noch nicht einmal wusste, wie er den Abend verbringen würde. Alex der Hund hat ihn einfach angemeldet und mitgeschleift.  Ist das denn zu fassen? Ralf gefällt mir besser, dunkle Haare, markantes Gesicht und doch ein bisschen spitzbübisch. Lecker! Je mehr Gespräche ich führe merke ich, dass das Thema immer mehr in die Richtung „UND? Wie findest du es bis jetzt?“ geht. Das ist in Ordnung. Ralf findet das auch. Er erzählt, er habe heute schon diverse Checklisten à la „()Haus ()Auto ()Kontostand ()Beruf“ ausgefüllt und wäre froh, sich einfach mal nett unterhalten zu können. Da bin ich doch gerne behilflich lieber Ralf.

Kreuzchen: JA (ob das schlau ist bei zwei besten Freunden…?)

*klingeling*

Da ist er: Der Mann mit Hut und weißen Tennissocken. Sein Name ist Anton und er kommt aus einem Dorf in Bayern. Hier komme ich nicht zu Wort (so schlimm finde ich das aber auch nicht). Anton erzählt begeistert von seinen Eroberungen und davon, wie er nach Dorffesten nackt bei irgendwelchen Frauen aufwacht und nicht mehr weiß was passiert ist. Beim Speed-Dating macht er mit, weil die Frauen auf dem Dorf einfach zu anspruchsvoll sind. Aha. Humor sei das A und O um eine Frau rumzukriegen, beteuert er und erhellt mich sofort mit einem maßgeschneiderten Spruch à la „Ich steh im Telefonbuch unter „H“ wie „Hengst“.“ Ich lache nicht, lächle höflich und hoffe, dass die Zeit bald vorbei ist.

Kreuzchen: NEIN (hat ja offensichtlich schon genug Weibsvolk am Start)

*klingeling*

Der Letzte. Ich schaue vom Tisch hoch und blicke in ein genervt und gelangweilt zugleich wirkendes Gesicht. Tom setzt sich hin, gibt mir nicht die Hand, stellt sich nicht mal vor, bis ich ihn frage, wer er denn sei. Auf arrogante Art und Weise versucht er mir zu vermitteln, dass er hier ja eigentlich nicht sein muss. Die Weiber wären auch alle unbrauchbar. Ich sitze da, höre ihm zu, sage nichts. Steht nirgends geschrieben, dass man sich unterhalten muss. Nach ein paar Minuten stellt sich heraus, dass er nicht zum ersten Mal an einer solchen Veranstaltung teilnimmt. Ist ja interessant, obwohl er ja quasi mit einem Fingerschnipp jede Frau haben könnte. Beim Klingeln steht er wortlos auf und geht. „Schön, dich kennengelernt zu haben!“ flöte ich ihm hinterher, grinse und denke: Leck mich!

Kreuzchen: NIEMALSNIE!

Ja – Nein – Vielleicht

Wir haben es überstanden, so schlimm war es gar nicht. Klischee nicht erfüllt würde ich mal sagen. Marlene und ich setzen uns noch in den Biergarten, um zu beratschlagen. Auch wenn wir sonst gänzlich unterschiedliche Männertypen haben, sind wir uns hier ziemlich einig: Alex und Ralf, die waren gut. Nummer eins und Nummer zwei ein „vielleicht“. Also zücken wir unsere Handys und beginnen die Auswertung. Ich komme mir ein bisschen vor wie in der Pubertät, nur dass ich mich hier für ja oder nein entscheiden muss. Halbe Sachen gibt es nicht. Also vier Mal ja. Die Kontaktdaten bekommen wir nur, wenn auch die Herren ja sagen. Darauf dürfen wir jetzt 48 Stunden warten (das ist wohl die Frist für Unentschlossene).

Die Ernüchterung kommt am Dienstagmorgen. Eine Übereinstimmung. Nicht Alex, nicht Ralf. Es ist Nummer zwei, der wie ich erst jetzt feststelle bereits Ende 40 ist. Das ist mir dann doch ein bisschen zu alt wenn ich ehrlich bin. Schade. Ich hake die Aktion unter „lustig war’s“ ab.  Den Mann fürs Leben habe ich hier (wider Erwarten) nicht gefunden. Ich denke, weitere Männer lerne ich dann doch lieber ohne Stoppuhr kennen. Wenn ihr Lust habt, mal einen Speed-Dating Versuch zu wagen, schaut euch doch mal hier um. Klingeling.

xoxo_Carrie_2

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6 Gedanken zu “7 Kandidaten – 7 Minuten

  1. Ach, großartig! Speed-Dating steht bei mir demnächst auch noch an, aber bisher habe ich mich nicht getraut. Ich weiß nicht genau, ob dein Beitrag mir jetzt Mut machen oder mich abschrecken sollte, aber ich fürchte da müssen wir alle mal durch 😉 Jedenfalls hast du mich bestens unterhalten!

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