Heute bin ich zwanzig!

Ich habe es getan. Mein erstes Mal. Es war genau so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. So schlimm, dass es fast ein bisschen wehgetan hat. Vor allem in den Augen. Es ist vollbracht: Ich habe meine erste Ü30 Party hinter mir!

Mr. Mumble mumbelt

Ich komme nach Hause und bin eigentlich fix und alle. Hinter mir liegt ein langer Tag gefüllt mit Ikea-Besuch und Malerarbeiten. Drei Stunden Ikea an einem Samstagnachmittag ist selbst für meine sonst recht stählernen Nerven nichts. Spätestens nach einer Stunde habe ich das Bedürfnis, die Menschen um mich herum im Smalland im Bälleparadies zu vergraben. Der aufmerksamkeitsbedürftige Kevin rennt „Mamamamamamamamama-schreiend“ durch die Gänge, der Testosterontoni fährt mir mit dem Karren in die Hacken, und meine liebe Freundin kann sich einfach nicht entscheiden. Für nichts. Immerhin gibt es danach leckere Kunsthotdogs, das entschädigt. Auch wenn mir mehr nach spontanem komatösem Schlaf ist, raffe ich mich auf, pinsele mich ein bisschen an, schlüpfe in die hohen Hacken und ziehe los. Ein Cocktail ist wohl genau das Richtige zum Abschluss des Tages. Nach dem ersten Gin Fizz bei Mr. Mumble’s ist der Stress auch schon vergessen. Wir quatschen, trinken, lästern, lachen. Runde zwei ist bestellt. Und dann sagt einer: „Wir sollten noch auf die Ü30 Party schauen!“ Sollten wir? Das Wort „resteficken“ wird in den Raum geworfen. So schlimm kann es ja nicht sein. Oder?

Dauerwelle meets Neonheels

Wir sind drin. Der Türsteher hat uns als einlassenswert beurteilt. Ich stehe auf dem Platz vor der Veranstaltungshalle, rauche eine Zigarette und beobachte das Publikum. Mein erstes Mal Ü30 Party. Ich bin gespannt. Vom Toilettenbereich kommen mir zwei Frauen entgegen, eine davon sturzbetrunken wohlgemerkt. Beide Damen sind ca. Mitte 40 und haben sich extra für den heutigen Abend schick gemacht. Frau Schnaps hat die mit extra viel Schaum eingeriebene Dauerwelle wurde mit könnerischen Händen zu einem großen, blondierten Bollen toupiert. Das fliederfarbene Wasserfalltop gewährt Einblick auf ein von Solariumfalten übersätes Dekolleté und die dazugehörigen etwas zu tief sitzenden Brüste. Der weiße Tüll Minirock ist schon weit über die Akzeptanzgrenze nach oben gerutscht, und die Mörderheels in Neonfarben mit goldenen Nieten trägt sie bereits in den Händen. So torkelt sie barfuß und in den Armen ihrer Freundin hängend an mir vorbei. Ich lasse meinen Blick über die anderen Anwesenden Gäste streifen und stelle fest, dass Frau Schnaps kein Einzelfall ist. Wir werden sehen. Erst mal rein und ein bisschen abhotten. Ist ja egal wer um mich herum ist.

Innen 40 – außen 20

Wir betreten die große Halle. Ich freue mich auf Dr. Alban Mucke, nicht weil das 80er ist, sondern weil ich Bock drauf habe. Leider kommt es nicht so weit. In der großen Halle hat es gefühlt Saunatemperaturen, und schon beim Betreten steht mit der Schweiß auf der Stirn. Es ist voll und die Musik ist fragwürdig. Der Blick in die Menge verrät mir: Dies ist eine Ü40 Party getarnt als Ü30. Sehr viele, nicht sehr schöne Menschen, die ihre schwitzenden Körper in meist unangebrachten Outfits wild zum Takt der Musik bewegen. Männer mit lichtem Haar tragen Hosen mit Glitzerapplikationen, Frauen haben die Teenagerklamotten wieder aus dem Schrank gekramt. Ein buntes Fest der Geschmacklosigkeiten. Neben uns der Hausfrauen Trupp München Süd. 12 wohlbeleibte Frauen hüpfen und zappeln wie auf Drogen zu Van Halen’s „Jump“. Sie scheinen zumindest den Text zu verstehen. Ich werde unsanft umgestoßen und beschließe die restlichen „Floors“ zu erkunden.

Wollen wir mal rocken?

Rock ist nicht so meins. Aber Michael will unbedingt hin. Also gehen wir zu den Rockern. Hier ist es immerhin weniger voll und weniger warm. Die Menschen sind langhaarig und authentisch. Meine Freundin und ich stellen uns an die Bar. Ein gutaussehender Barkeeper  mit süßem Knackarsch serviert uns zwei Bier. Endlich ein Lichtblick. Als ich wenig später vor den Damentoiletten auf Einlass warte, wird mir die Grausamkeit der Feier erst richtig bewusst. Neben mir zwei Damen, die sich in tiefstem Bayerisch darüber unterhalten wer sich wo trifft und ob sie jetzt noch ein Weißbier trinken oder lieber nicht. Ich mache das jetzt nicht nach, bin schließlich Schwabe. Ein langbeiniger Mann mit langen Haaren und alternativer Indianerprint Tunika holpert an mir vorbei, zwickt mich in die Backe und zwinkert mir zu. Wo bin ich hier? Lieber schnell zurück zum Barkeeper, dem wohl einzig gutaussehenden Mann an diesem Abend. Nach einer Runde exzessivem Headbanging beschließen wir Mädchen zu gehen. Hier sind leider nicht mal annehmbare Reste zu finden. Auf dem Weg nach draußen stelle ich fest, dass wohl ein Großteil der Gäste weitaus anspruchsloser ist als ich. Wild züngelnde und grabschende Pärchen tummeln sich gegen Wände gelehnt, aufeinander hockend und ineinander verknotet auf dem Flur. Der Alkoholpegel scheint hoch zu sein, die Dame mit den Tigerleggings hat immerhin schon einen Schuh verloren.

Auf der Heimfahrt rekapituliere ich. Ü30 Party. Ich denke ich bin dafür entweder zu als, oder aber noch nicht alt genug. Oder noch nicht verzweifelt genug, das kann es natürlich auch sein. Dann fällt mir ein, dass ich in zwei Wochen schon wieder auf einer solchen Festivität bin… Nun gut. Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass man manchen Dingen eine zweite Chance geben muss. Eines weiß ich jetzt schon: Ich gehe im Minirock hin. Koste es was es wolle!

xoxo_Carrie_2

© Yvonne Bogdanski – Fotolia.com

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12 Gedanken zu “Heute bin ich zwanzig!

  1. So in etwa stelle ich mir auch ein Ü30 Party vor und hoffe, hoffe, hoffe, dass ich nie soweit getrieben werde, dort hingehen zu müssen.
    Danke für den tollen Post, der mich mal wieder zum Schmunzeln gebracht hat 😉

    Liebe Grüße
    MiaNele

  2. Wann seit ihr da hin, daß die schon solch einen Vorsprung hatten?!

    ich halts da auch mit dem singenden Zahnarzt: it’s my life.

  3. Ich war das letzte Mal vor 2 Jahren auf so einer Party. Wir waren so gegen 11 Uhr dort, die Ü50er Party war gerade vorbei und die Ü30er sollte anfangen. Naja, ich brauch’s nicht zu schildern, war wie bei Dir. Resteessen, Gammelfleischparty… Ich kam mir unbeschreiblich jung vor, obwohl ich wohl zu den ältesten gehörte.
    Meine Freundin konnte ich dann überreden, in einen Salsaschuppen zu gehen. Da ist das Publikum sehr viel geschmackvoller gekleidet und altersmäßig gemischt. Man muss halt leider auf die Mucke stehen, und das tut nicht jeder.

  4. :o) Mit breitem Schmunzeln gelesen. War noch nie bei sowas, hatte es mir aber weniger extrem vorgestellt.

    Ach und: Dr. Alban ist bitteschön 90er !!! (Auf meine herzallerliebsten 80er lasse ich solch stupiden Eurodance nicht kommen…)

  5. Pingback: Das Verhalten (über)geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit | Is it Love?

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