Single sein – Schritt für Schritt

Mittlerweile, nach einiger Zeit als Single, habe ich wohl so ziemlich jede Phase des Singledaseins durchlebt. Durchlebt und überlebt. Die ein oder andere habe ich großzügig übersprungen. Ich habe es somit zum Beispiel unterlassen, mich vor lauter Frust auf die Männerwelt (oder aber als übermäßigen Ausdruck dessen, überglücklich darüber zu sein, niemandem Rechenschaft zu schulden) durch so viele Betten wie nur eben möglich zu schlafen. Mir selbst treu bleiben kann ich.

1. Die Trauerphase

Die Trauerphase dauert meist beim weiblichen Geschlecht überdurchschnittlich länger als beim männlichen. Während Mann sich zur Ablenkung mit den Kumpanen auf viele Biere im Stripclub trifft, um sich vom Gedanken an die Ex abzulenken, suhlt sich Frau in der Pfütze des Leidens. Wir heulen, wir schimpfen, wir schreien. Wir essen Schokolade bis wir platzen und heulen noch mehr weil wir nun nicht nur unglücklich und allein, sondern auch noch mit unnötigem Hüftgold gesegnet sind. Wir werden zu Masochisten. Wollen wissen was der Ex macht, auch wenn wir wissen, dass wir es nicht wissen wollen. Er wurde mit einer anderen gesehen. Noch mehr heulen. Noch mehr Schokolade. And it goes on and on and on and on… bis:

2. Die Egophase

Irgendwann haben wir genug geheult, genug Schokolade gegessen und unsere Freunde genug mit unserer Leidensgeschichte gequält. Wir haben Augenringe, sind ein wenig aufgedunsen und sind von uns selbst genervt. Dann kommt der berühmte Punkt, an dem es „klick“ macht. An diesem Punkt merken wir, dass wir im Grunde genommen auch ohne den verabscheuenswürdigen Ex etwas wert sind. Und dann kümmern wir uns. Um uns selbst. Wir gehen ins Fitnessstudio, stellen unsere Ernährung um und specken erst einmal ab. Wir gönnen uns etwas. Fahren in den Wellnessurlaub. Wir schneiden uns die Haare ab als Zeichen für Neuanfang. Wir verschließen Erinnerungen, am liebsten in Schuhschachteln. Wegwerfen wäre unklug, denn wer weiß was da eventuell noch kommen mag. Wir löschen Telefonnummern, nehmen Liebesringe ab. Wir arrangieren Zimmer um, streichen Wände neu, eben alles was auch nach außen zeigt: Ab jetzt ist alles neu. Jetzt komme ich!

3. Die Zufriedenheitsphase

Jetzt wo wir nicht mehr aussehen wie ein altes Schlossgespenst, können wir endlich wieder beginnen zu genießen. Unsere Freunde verbringen wieder gerne Zeit mit uns, da wir nun auch in der Lage sind, unseren Themenkreis  „Schmerz, Hass und gebrochene Herzen“ um interessantere Punkte zu erweitern. Wir genießen es, niemandem Rechenschaft zu schulden, alles komplett frei entscheiden zu können. Die Zufriedenheitsphase wird ganz unterschiedlich gelebt. Die einen erfreuen sich an überdimensional hoher sexueller Aktivität, um für sich selbst die Sicherheit zu haben, noch im Rennen zu sein. Die anderen genießen heiße Flirts, das ein oder andere prickelnde Date. Wir gehen wieder mehr unter Menschen, anstatt uns zu Hause zwischen verrotzten Taschentüchern zu verbarrikadieren. Und wir genießen. Uns, unser Leben, und das jeden Tag.

4. Die Ausschauphase

Single zu sein ist hervorragend. Es hat viele Vorteile. Keine dreckigen Socken, keine hochgeklappten Klobrillen, keine betrunkenen Heimkehrer mitten in der Nacht. Ich könnte bestimmt neunhundertdeiundvierzig Gründe nennen, warum es super ist, Single zu sein. Doch auch in einem Zeitalter, in dem man von Selbstbefriedigung nicht mehr blind wird, stellt man irgendwann fest, dass etwas fehlt. Die Nähe eines Mannes. Sich geborgen fühlen können. Komplimente – tiefe Blicke. Gemeinsam sein. Also machen wir uns auf die Suche, testen unseren Marktwert.  Die Ausschauphase bietet die Möglichkeit für eine Liaison, eine heiße Affäre, oder auch eine beginnende Liebe. Im Optimalfall finden wir hier, nach dem ein oder anderen missglückten Versuch einen neuen Partner. Davon ausgehend natürlich, Frau will dem Single Leben ein Ende setzen. Will sie das nicht können Phase drei und vier beliebig ausgedehnt werden. Aber was wenn der Richtige einfach nicht dabei ist?

5. Die Frustphase

Die Frau hat sich wieder ins Spiel gebracht, sich auf den Markt geworfen. Sie flirtet, sie datet, hat Liebschaften, aber irgendwie ist nichts Passendes dabei. Es funkt nicht. Bei ihr oder bei ihrem Gegenüber. Sie wird enttäuscht, fallengelassen, zum Narren gehalten. Sie erteilt Abfuhren und versucht sich zu erklären. Sie knutscht, sie hält Händchen und am Ende schläft sie doch alleine ein. Jede Frau kann die ein oder andere Enttäuschung wegstecken. Kein Problem. Wie sagt man doch so schön: „Aufstehen, Krönchen zurecht rücken und weitergehen“.  Und dann, nachdem wir viele Male hingefallen und wieder aufgestanden sind werden wir bockig. Warum haben scheinbar alle um mich herum einen Partner und ich nicht? Warum wollen mich die Männer nicht? Bin ich zu fett? Zu hässlich? Stimmt was mit meinem Charakter nicht? Oh Gott… WERDE ICH ÜBRIGBLEIBEN? Die Frustphase ist neben der Trauerphase die schlimmste. Wir fallen zurück in alte Muster, ich sag nur Schokolade. Zudem beginnen wir, uns an Grashalme zu klammern. Wir überinterpretieren, wir sind ungeduldig, und all das lässt uns verzweifelt wirken. Das Schlimme daran ist, dass wir es ganz und gar ausstrahlen, auch wenn wir es nicht wollen. Und welch Wunder: Dies ist bei der Partnersuche eher kontraproduktiv.

Nun, da wir alle 5 Hauptphasen des Single Lebens durchlaufen haben, kehren wir zurück zu Punkt zwei, und beginnen von vorne. Und so weiter und so weiter, bis wir dann irgendwann mit einem positiven Ergebnis aus Phase vier ausscheiden und in ein Pärchenleben übergehen. ODER: Wir beginnen immer wieder von vorne und erreichen irgendwann Phase 6:

6. Die Versingelung

Die Versingelung beginnt mit Bauchschmerzen. Wir treffen einen Mann, den wir mögen. Einen Mann, der vom Grundprinzip genau dem entspricht, was wir uns wünschen. Solide, ehrlich, treu, liebevoll, humorvoll und den ganzen Kladderadatsch. Er ist alles davon. Wir treffen uns, gehen aus, unterhalten uns, kehren nach Hause und bekommen Panik. Das könnte tatsächlich etwas werden. Gute Voraussetzungen. Und dann setzt sich die Gedankenmaschinerie in Gang. Bin ich mir wirklich sicher, dass ich so einen Mann will? Oder will ich vielleicht doch lieber einen machohaften Kerl? Will ich mich überhaupt binden? Die viel wichtigere Frage ist: Kann ich mich überhaupt binden? Wir haben unser Leben umgestellt. Wir haben gelernt, alleine zu meistern und damit glücklich zu sein. Und dann sollen wir auf einmal wieder teilen, erklären warum wir den Mädels Abend dem Sofakuscheln vorziehen. Und beim Gedanken daran schnürt es uns die Kehle zu.

Wir bekommen Angst. Angst davor, nicht mehr in der Lage zu sein, eine Bindung einzugehen. Angst davor, uns selbst die Zeit nicht mehr geben zu können auszutesten, und langsam an die Sache heranzutasten. Würgen wir potentielle Kandidaten willentlich nach den ersten Dates ab? Aber warum diese Panik, all diese doch so unnötigen Gedanken? Wir realisieren (zunächst mit einem unguten Gefühl in der Magengrube): Wir sind angekommen. Wir sind zwar Single, aber wir sind glücklich. Wir genügen uns selbst. Nicht auf die feministische „ich-brauche-keinen-Mann-und-zwar-für-gar-nichts“ Art und Weise, sondern auf eine in sich ruhende Art und Weise. Und wenn wir den ersten Schock darüber, dass wir uns quasi mit dem Single Dasein abgefunden haben, überwinden, erkennen wir die positive Seite daran. Der Druck fällt ab. Es kommt was kommt, und was nicht kommt bleibt weg. Die geschätzte Kollegin von Kissnapping nennt es: “Ich bin mit mir total im reinen Phase” (Glücklich mit mir selbst – egal ob mit oder ohne Mann. Offen für alles was kommt, aber nicht auf der Suche). Der Mann, der nun unser Herz erobert ist nicht der Macho, der Softie, der mit den Muskeln, der mit den blauen Augen. Der Mann der nun unser Herz erobert ist der, bei dem es sich richtig anfühlt.

xoxo_Carrie_2

© lassedesignen – Fotolia.com

Advertisements

28 Gedanken zu “Single sein – Schritt für Schritt

  1. Sehr schön, allerdings hast du eine Phase vergessen – die letzte „Ich bin mit mir total im reinen Phase“. Glücklich mit mir selbst – egal ob mit oder ohne Mann. Offen für alles was kommt, aber nicht auf der Suche.

  2. Endlich gewährt man uns einen Einblick in das Gefühlsleben einer Frau. Seitdem ich diesen, wie auch andere Blogs lese, wird der Schleier des Gefühlslebens einer Frau Stück um Stück gelüftet.

    Ich finde aber, Deine Trauerphasen passen auch zu einem Mann. Auch ich bin nach dem Ende einer Beziehung zum heimlichen Voyeur des Lebens meiner Exfreundin geworden. Und es tat weh. Weh in der Seele, weh im Herzen. Daher gibt es doch nicht soviele Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Oder bin ich nur anders, wie die anderen ?

    Da hat Deine Freundin recht, an dem Punkt, wo Mann oder Frau mit sich im Reinen ist, die Seele tief zufrieden und ausgeglichen ist, man vor dem Spiegel steht, um sich zu sagen: „Ich liebe mich“, dann kommt der Punkt, wo einem der Liebesgott wieder einen Pfeil ins Herz schießt.

    Man wird urplötzlich gefunden, vorallem dann, als man nicht damit rechnete.

    Ich weiß nicht woran es liegt, aber es gibt eine Redewendung, die komischerweise darauf zutrifft:

    Je mehr man sich eine Sache herbeisehnt, umso mehr entfernt man sich von diesem Ziel. Suche nicht, sondern sei bereit, wenn das Glück an Dein Herz klopft, um Einlaß zu erhalten.

    Ich könnte noch viel tiefer gehen, abet dies würde zuweit ins esoterische oder metaphysische gehen.

    Wie immer schöner Artikel. Mach weiter so, damit mir auch die letzten Geheimnisse der Frau offenbart werden.

    • Sehr schöner Kommentar! Na klar gibt es hier ein paar Einblicke, soll ja keinem verwehrt bleiben. Du hast recht es gibt auch viele Männer, die leiden wie ein Hund.
      Mittlerweile belächle ich die, die sagen „wenn du nicht mehr auf ihn wartest, dann kommt er“ nicht mehr nur. Ich glaube daran.

      • Das finde ich schön, wenn Du daran glaubst. Denn dieser Spruch macht Dein eigenes Leben, umso einfacher. Du wirst lockerer.

        Ist doch besser am Wochenende ohne den Gedanken daran auszugehen, unbedingt die große Liebe treffen zu wollen. Denn dies wird 100% nicht eintreffen. Was folgt ist Frust.

        Lieber den Abend locker und ohne Ziele genießen.

        Beginne jede Faser an Deinem Körper selbst zu lieben. Deine Aura wird es Dir danken.

  3. Also erstmal Danke, dass das lange Warten ein ende gefunden hat.
    Hab auf diesen, deinen Beitrag im Blog mal wieder sehn-süchtig gewartet.
    Eigentlich bin ich nur Alkohol- und Zigarettensüchtig (hehehe, aber nicht zu viel daraus lesen, weil , so süchtig wie man sich denkt, bin ich nicht).

    * * * * *

    Ich glaub ich muss mich mal wieder ver …. Dingsda … sach mal schnell … lieben (das war es).
    Hab solch Phasen, auch als MAnn schon länger nicht mehr gehabt.

    Stelle aber immer mal wieder fest, dass es schön wäre, ne Partnerin zu haben.
    MAnchmal wäre es doch schön jemanden zu haben, der mich fahren könnte (z.B. zum Arzt, wenn es nicht so gut geht).
    … oder, jemand, der mit mir in die Werkstatt fährt, um mein Trike aus dem Winterschlaf zu holen.
    … oder mir meinen Zeh (wirklich nur Zeh) verbindet … is allein doch eher etwas kompliziert. 🙂

  4. So toll beschrieben!
    Genau diese Phasen hatte ich auch, angekommen in Phase 6 (und wirklich ganz zufrieden) kam dann jemand der alles beendet hat. Und all die Gedanken, die ich mir bei Anderen gemacht habe (Will ich das wirklich?) waren verflogen. Das Wichtige ist aber, ich weiß, das ich auch alleine wirklich gut klar komme, Ziele haben!

  5. Wirklich gut beschrieben. Wobei ich doch auch mal eine Lanze für die Männer brechen muss, denn das sich alle so leicht ablenken können halte ich für ein Klischee. Classyman38 beschreibt es und auch ich kenne Männer, die wegen Frauen leiden/gelitten haben wie ein Hund.

    Ich glaube, jeder, der wirklich echte Gefühle hat, durchlebt diese Phasen. Unabhängig vom Geschlecht.

    • Absolut! Die Nummer mit „Frau heult – Mann feiert“ ist ein Klischee, ABER auch sehr oft die Realität. Auch ich kenne Männer die in Sachen Trauer jeder Frau die Show stehlen könnten

  6. Bin auch in Phase 6 und hoffe ein wenig auf dieses Phänomen 😉 Und wenn’s nicht passiert ist’s auch egal, weil, Phase 6, ich mag mich auch alleine leiden.

  7. Der letzte Satz gefällt mir sehr gut. Und genauso ging es mir nach 4 Jahren als Single auch. Es hat sich alles richtig angefühlt. Wobei ich das Zweifeln in Phase 6 das erste Mal in meinem Leben komplett übersprungen habe. Verwundert mich beim nochmaligen Reflektieren. Werte ich mal als positives Zeichen. 😉

    Ich hatte Phase 6 nach 1,5 Jahren in Phase 5 erreicht. Ich habe meine Anmeldungen auf Singlebörsen monatelang ignoriert, wollte auf keine Dates mehr gehen und war glücklich mit mir selber. So glücklich, dass ich aus komplett freien Stücken alleine Silvester gefeiert habe.

    • Wow 🙂 Ich finde das ist irgendwie ein schönes Gefühl, nich immer im Hinterkopf zu haben, dass man jemanden braucht der einen glücklich macht. Ich meine das alles auch nicht auf eine super feministische „ich komme auch alleine klar“ Art. Sondern einfach auf eine schöne Art und Weise. Hach…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s